Archiv für den Monat Oktober 2013

Die ganze Schäbigkeit etablierter Journalistinnen gegenüber Boris Becker

Der ehemalige Tennisspieler Boris Becker ist einer der Sporthelden meiner Jugend, auch wenn ich mich da eher weniger für Tennis interessiert habe. Dennoch legte Becker als junger Bursche zahlreiche sportliche Erfolge hin, dass man eigentlich auch heute noch erwarten können sollte, dass die Berichterstattung über ihn zumindest einen gewissen Rest an Respekt oder zumindest Anstand beinhaltet. Ich erinnere mich noch gut daran, dass Boris Becker damals immer wegen seiner rotblonden Haare und den vielen „Ähhhs“ in Interviews von Comedians nachgeäfft und verspottet wurde. Damit muss man als öffentliche Person wohl leben. Womit aber auch ein Boris Becker nicht leben muss, das sind die Reaktionen diverser Journalistinnen auf seine Berichte über häusliche Gewalt in seiner Beziehung zu Ex-Frau Barbara Becker:

Nach sieben Jahren Vorzeigeehe hätte sich das Paar auseinander gelebt, „wir hatten kein gemeinsames Ziel, keine Basis mehr, von Erotik und Sex will ich gar nicht erst anfangen“, schildert der ehemalige Tennis-Star laut Vorabdruck in der „Bild“-Zeitung. Danach sei die dunkelste Zeit seines Lebens angebrochen: Eheprobleme, ein parallel laufender Steuerprozess gegen ihn und das Drama um seine gerade geborene Tochter Anna. Auch seine beiden Söhne Noah und Elias sah er nicht mehr. Auf Fisher Island eskalierte der Rosenkrieg dann. „Das war – für uns als Paar und für mich als Mensch – das absolute Waterloo.“ Barbara sei vollkommen außer sich gewesen. „Sie brüllte mich an, sprang plötzlich auf und fing an, mich wie von Sinnen zu schlagen“, schreibt Becker.

Erst vor wenigen Monaten hatte eine DEGS-Studie belegt, dass Männer wesentlich häufiger Opfer von häuslicher Gewalt durch Frauen werden als gemeinhin vermutet:

Der Befund: Frauen sind „häufiger als Männer Ausübende körperlicher Partnergewalt, aber auch Ausübende von Gewalt gegenüber sonstigen Familienmitgliedern“.

Konkret war etwa nach Schlägen, Ohrfeigen, Tritten und an den Haaren ziehen gefragt worden. Auch psychische Gewalt – Beleidigungen, Bedrohungen, Beschimpfungen, Schikanen – ging in Partnerschaften häufiger von Frauen als von Männern aus. „Psychische Gewalt kann in ihren Folgen mindestens genauso dramatisch sein wie körperliche“, sagt Hölling.

Die Ergebnisse zeigen einen wenig beachteten Aspekt der Diskussion über Gewalt auf, wie die Autoren schreiben: „Die Themen ‚Frauen als Gewalttäterinnen‘ und ‚Männer als Gewaltopfer‘ sind gesellschaftlich noch weitgehend tabuisiert“ – erst allmählich richte sich der Blick der Forschung darauf.

Nun sollte man eigentlich von halbwegs seriösen Journalistinnen erwarten, dass sie den Bericht von Boris Becker mit einem Mindestmaß an Empathie und Anstand in ihren Artikeln berücksichtigen – zumindest so, wie sie es bei weiblichen Opfern häuslicher Gewalt tun würden. Aber was passierte? Durch die Bank wurden Kübel voller Spott und Häme über Boris Becker ausgeschüttet:

  • In  der AMICA präsentierte Online Redakteurin Kerstin Kotlar ein „Interview“ mit der Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki über Boris Becker, um der Häme zumindest einen leidlich seriösen Anstrich zu geben. Wardetzki ist aber nun nicht unbedingt Expertin für häusliche Gewalt, sondern laut Buchveröffentlichungen eher für Themen wie Kränkungen. Wie laut wäre wohl der #Aufschrei, wenn ein solcher Experte männlichen Geschlechts einer geohrfeigten Frau ebenso nur eine Kränkung attestieren und sie als „Opfer-Frau“ verhöhen würde, wie Becker als „Opfer-Mann“ bezeichnet wird?
  • Bei der taz erschien – etwas schizophren – erst ein für dieses Blatt ungewohntes Interview mit der Psychologin Rita Steffes-enn über weibliche Aggressionen, dann eine unsägliche Kolumne mit dem Titel Dumm-dumm-Boris von Hartmut El Kurdi, in der Boris Becker und Lothar Matthäus gleich im zweiten Absatz als „komplette Vollidioten“ betitelt werden. Geht’s noch?
  • Zur Krönung schaffte es Boris Becker dann noch in die Aufmerksamkeit der SPON-Kolumnistin Silke Burmester, die ihn höhnisch auf einem Boulevard der geplatzten Träume platziert und ihn bereits als Moderator von „Bild – die Opfer-Gala“ sieht. Ohne Worte.

Soweit so schlecht. Und nun stelle man  sich vor, was im Medienzirkus los wäre, wenn Männer es sich erdreistet hätten, in ähnlicher Manier über die die eine oder andere Ex-Freundin von Leuten wie Boris Becker, Lothar Matthäus oder Dieter Bohlen zu schreiben. Beispielsweise als auf Promi-Männer lauernde Luder aus der vorletzten Reihe, die nur zu faul für eine Ausbildung seien und sich daher lieber zwischen älteren Promis und Medien-Boulevard prostituierten, um dann mit aufgespritzten Lippen, Silikonbrüsten und viel nackter Haut eine schnelle Karriere vor den Kameras zu machen, bevor der Körper und eingebaute Tuningteile der Schwerkraft zum Opfer fallen. Wahrscheinlich bekämen selbst Vorzeige-Feminstinnen wie Alice Schwarzer dann über Wochen den Mund nicht mehr zu und  würden uns auf allen Kanälen mit feminstischer Dauerberieselung belästigen, natürlich nicht ohne die endlos hyperventilierende Empörung.

Fazit

Der Fall Boris Becker zeigt die ganze Schäbigkeit und Verkommenheit vieler Journalistinnen auf, die gleichzeitig nicht müde werden sich in Vereinen wie ProQuote lauthals darüber zu beklagen, dass ja so wenige Frauen in den Top-Positionen der Medien zu finden seien. Ich meine inzwischen, dass das verdammt gute Gründe haben könnte. Zum Beispiel eklatante Defizite an Respekt, Anstand, Fairness und Stil gegenüber anderen Menschen, insbesondere gegenüber Männern. Wem es an solchen grundlegenden Qualifikationen des zwischenmenschlichen  Miteinanders mangelt, der bleibt in der Tat besser unterhalb der gläsernen Decke und schreibt weiter zweit- bis drittklassige Artikel und Kolumnen, während gleichzeitig Boris Becker Bestseller schreibt.